Vor zehn Jahren begann der Gorilla-Tourismus am Mgahinga

Im Dezember 1989 startet das Gorilla- und Naturschutzprojektes auf der ugandischen Seite der Virungavulkane: der Biologie und Geschichtswissenschaftler von der Universität Bielefeld, Klaus-Jürgen Sucker, beginnt die Aufbauarbeit mit Unterstützung des Deutschen Tierschutzbundes und der Berggorilla & Regenwald Direkthilfe, später tritt ganz wesentlich die Unterstützung durch CIM (Centrum für Internationale Entwicklung, Deutschland) hinzu.
Berggorilla-Silverback (Anführer der Gruppe) und Jungtier im MGNP
Berggorilla-Silverback (Anführer der Gruppe)
und Jungtier im MGNP
© Ulrich Karlowski
Damals war das Gebiet auf den Nordhängen der drei Vulkane Muhavura, Gahinga und Sabinyo gekennzeichnet durch eine fortschreitende Entwaldung und Umwandlung der ehemaligen Nebelwaldbereiche in Ackerland. Durch den Primärwald zog sich ein enges Netz zahlreicher Schmugglerpfade und auf den Wildtierwechseln waren Hunderte von Drahtschlingen zum Fangen von Antilopen ausgelegt. Auch Holzeinschlag und die Beweidung des Waldes war an der Tagesordnung. In Kooperation mit den ugandischen Naturschutzinstitutionen (Uganda National Parks) wurde der Mitarbeiterstab der Wildhüter aufgestockt und die Ausrüstung verbessert. Sehr bald wurden erste Erfolge der Naturschutzarbeit sichtbar: die Waldbeweidung durch Haustiere, die Wilderei durch Schlingenlegen und der Holzeinschlag gingen durch die gesteigerte Präsenz der Wildhüter zurück, sodaß die Populationen der Berggorillas, Diadeem-Meerkatzen, Ducker-Antilopen, Buschböcke, Büffel und vieler weiterer Tier- und Pflanzenarten sich wieder erholen konnten.

MGNP-Ranger-Außenposten
MGNP-Ranger-Außenposten
© Ulrich Karlowski
1990: In sämtlichen Anrainergemeinden des Mgahinga-Waldes wird eine Befragung der Bevölkerung durchgeführt, um die Haltung zu dem geplanten Nationalpark zu ermitteln . Die Studie kommt zu dem Ergebnis, daß die Statusänderung vom Waldreservat bzw. Wildtierschutzreservat zum Nationalpark von der Bevölkerung begrüßt wird, wenn der Nationalpark an der bekannten und sichtbaren Linie der Australischen Silbereichen (Grevillea robusta) entlang der 8000ft Höhenlinie endet und im Westen etwas tiefer ausläuft (Nyakagezi-Dreieck). Diese Baumreihe wurde 1944 gepflanzt von denen auch in den 90-iger Jahren des 20.Jh. noch viele vorhanden waren und die in der Bevölkerung gut bekannt ist.
Eine weitere Option war zu diesem Zeitpunkt eine noch größere Fläche, nämlich das gesamte Wildtierschutzgebiet "Gorilla Game Reserve" in den zukünftigen Nationalpark mit einzubeziehen. Diese Option wird in der Folgezeit verworfen.
Die Bevölkerung aus den Dörfern am Rande des Mgahinga-Waldes brachte in der Befragung die Hoffnung zum Ausdruck, daß mit dem Nationalpark auch eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation verbunden sein könnte.

Mai 1991 Parlamentsbeschluß des ugandischen Parlaments: der Mgahinga-Wald und Teile des Gorilla Game Reserve werden zum Nationalpark, dem "Maghinga Gorilla Nationalpark", erklärt. Der Grenzverlauf folgt überwiegend der 8000ft. Höhenlinie. Die Fläche des Nationalparks umfaßt etwa 34 km².

1992 In einer weiteren Studie wurde nicht nur das Meinungsbild beleuchtet, sondern es wurde auch die Flächengröße der bewirtschafteten Äcker und die Zahl der Haustiere dokumentiert. Diese Zahlen dienten in der Folgezeit dann dazu, die jeweilige Höhe der Kompensationszahlungen zu ermitteln. Dabei wurde unter anderem auch deutlich, daß 70% der Familien, die Felder und Hütten innerhalb des Nationalparks bewirtschafteten, gleichzeitig auch Land außerhalb der zukünftigen Nationalparkfläche besaßen. Keines der Gebäude war als dauerhaftes Gebäude konstruiert.

Wohnhaus von Klaus-Jürgen Sucker in Kisoro
Wohnhaus von Klaus-Jürgen Sucker in Kisoro
© Ulrich Karlowski
Im Verlauf des Jahres 1992 verlassen alle Siedler die entwaldete Zone des Nationalparks (Zone 2) und frühere Nutzungen (Ackerbau, Nutztierhaltung etc.) werden eingestellt . Insgesamt werden 221 Hofstätten an neue Plätze auf öffentlichem Land tiefer im Tal verlegt. Die Siedler erhalten Kompensationszahlungen, deren Höhe von der Größe der ehemals genutzten Fläche und der Zahl ihrer Tiere abhängt. Die Vegetationsdecke innerhalb der Zone 2 regeneriert sich und wird besonders seit Anfang 1993 wieder in zunehmendem Maße von Wildtieren des Maghingawaldes genutzt . Im Dezember 1992 findet die letzte Ernte auf den Getreidefeldern innerhalb des Nationalparks statt, seit diesem Zeitpunkt wird die freie Sukzession, also die natürliche Wiederbesiedlung mit Pflanzen und Tieren auf der gesamten Fläche der Zone 2 zugelassen. Die Sukzessionzone ist etwa 10 km2 groß und erstreckt sich auf Höhenlagen zwischen 2400 und 2700m üNN.

1993 weiterer Aufbau der Infrastruktur des Nationalparks: Verlagerung des Wildhüterposten an die neue Schutzgebietsgrenze; Markierung der nördlichen Nationalparkgrenze mit 180 Zement-Pyramiden auf der 14 km langen Außenlinie des Parks. Der Nationalparkverlauf ist jetzt durch die etwa 1m hohen Pyramiden gut sichtbar, doch die direkt angrenzenden Felder sind vor Wildschäden völlig ungeschützt. Daher wird entlang des Außengrenze des Nationalparks eine Hecke aus Korallenbäumen (Erythrina abyssinica) gepflanzt. In den Bereichen, wo das vulkanische Gestein sehr oberflächennah ansteht und eine Bepflanzung unmöglich ist, wird anstelle der Hecke eine Natursteinmauer aus Lavagestein errichtet. Diese heute recht populäre 'buffalo-wall' ist in der Folge von anderen Projekten übernommen worden, da die Wildschäden auf den Äckern tatsächlich gemindert werden.

Transport der Stecklinge zur Pflanzung der Hecke für die Markierung der Nationalparkgrenze
Transport der Stecklinge zur Pflanzung
der Hecke für die Markierung
der Nationalparkgrenze
© Ulrich Karlowski
NP-grenze-hecke-piller Im Zusammenhang mit dem seit Jahren schwelenden Bürgerkrieg in Rwanda waren auch Teile des Mgahinga Gorilla National Parks von paramilitärischen Einheiten zeitweise als Rückzugsgebiet genutzt worden. Da die Gefahr bestand, daß Tretminen ausgebracht worden waren, wurden alle Wanderwege durch eine Spezialeinheit der ugandischen Armee mit Minensuchgeräten untersucht und aufgefundene Explosivstoffe mit Dynamit zur Detonation gebracht. Alle drei Vulkane, Sabinyo, Gahinga und Muhavura, wurden dabei bestiegen. Während dieser Arbeiten konnten fünf Gorillagruppen im MGNP nachgewiesen werden. Doch auch die durch den Bürgerkrieg verursachte Zerstörung von Teilen der afroalpinen Vegetation auf den Gipfeln des Gahingas und des Muhavura wurde sichtbar.
Dennoch wurde am 10. August 1993 der Ökotourismus begonnen. Hierunter fallen Bergbesteigungen, Höhlenbesichtigungen und Naturpfad-Wanderungen.

Nationalparkgrenze, markiert mit Hecke und Steinpyramide
Nationalparkgrenze,
markiert mit Hecke und Steinpyramide
© Ulrich Karlowski
15. Januar 1994 Erweiterung des touristischen Angebots: der Gorillabesuch ist bei den Mitgliedern der sogenannten "Nyakagezi-Gruppe" möglich. Diese Gorillagruppe wechselt regelmäßig zwischen dem ugandischenTeilgebiet des Virungaschutzgebiets und dem kongolesischen hin und her. Während der ersten zwei Monate werden lediglich zwei Besucher pro Tag zu der Gorilla-Familie geführt, ab März dann vier Personen und ab Mai 1994 können maximal sechs zahlende Touristen für eine Stunde pro Tag die Berggorillas besuchen. Mit zu den ersten Besuchern zählt auch (Zitat K.-J. Sucker) "eine Gruppe von Repräsentanten des Kisoro-Bezirkes, die erstmals die berühmten Tiere in ihrer Nachbarschaft beobachten konnten und sichtlich beeindruckt waren." .
CARE-Projekt: Bambusanpflanzung im Vorfeld des MGNP
CARE-Projekt:
Bambusanpflanzung im Vorfeld des MGNP
© Ulrich Karlowski
Die letzte Nutzung des entwaldeten Teilgebietes im Nationalpark liegt nun 12 Monate zurück und bereits nach so kurzer Zeit haben die Gorillas ihren Lebensraum auf etwa 80% dieser Zone ausgedehnt - sie finden auf den jungen Brachen Futter, finden Nestbaumaterial in den kleineren Gehölzgruppen und fühlen sich sicher. Von November 1993 bis Mitte Februar 1994 hält sich eine Gruppe hauptsächlich in dieser für sie neuen Zone auf und "erkundet" offensichtlich das dazugewonnene Terrain. "Die längsten Aufenthaltszeiten wurden hierbei in der relativen Nähe der Wildhüterlager registriert, vor allem an den unteren Hängen des Muhavuravulkans, wo Berggorillas zuvor seit mehr als 20 Jahren nicht mehr registriert worden waren. … Zwei Tage hielt sich diese Gorillagruppe sogar unmittelbar im Tal der neuen Hauptstation des MGNP auf, eine Zugangszeit (das ist die Wegstreckenlänge vom Startpunkt Gorillabesuche bis zur Gorillagruppe selbst. Anmerkung U. Karlowski) von nur 5 Minuten wurde von den Wildhütern registriert. Anwohner … versammelten sich an der Nationalparkgrenze, um die Gorillas aus einer 'sicheren Entfernung' von ca. 100m an der Hauptstation sehen zu können. Es blieb letztendlich unklar, welche der Gruppen (Anwohner oder Gorillas) die jeweils andere Gruppe 'interessierter' beobachtete." Neben dieser habituierten Gruppe nutzen jetzt auch eine Gorillagruppe mit drei Individuen und ein einzelner Silberrückenmann die neu dazu gewonnene Fläche.
Nationalparkstation in Kisoro: Monatsübersicht über Wilderei, konfiszierte Fallen, etc. für 1994
Nationalparkstation in Kisoro:
Monatsübersicht über Wilderei,
konfiszierte Fallen, etc. für 1994
© Ulrich Karlowski
Bereits vor dem offiziellen Start des Gorilla-Tourismus im MGNP wurde ein 'revenue-sharing-system' für die Bevölkerung der Parkrandlage ausgearbeitet. Dieses System sieht vor, dass 20% der Einnahmen aus den Eintrittsgeldern für Projektideen aus der Bevölkerung verwendet werden sollen, zum Beispiel für den Bau neuer Schulen, Vorratshäuser oder anderen Ideen. Heute ist dieses Konzept ein integraler Bestandteil der Politik der ugandischen Naturschutzbehörde (Uganda Wildlife Authority, UWA) für alle Schutzgebiete in Uganda.
Klaus-Jürgen Sucker stirbt am 19. Juni 1994 unter ungeklärten Umständen in Kisoro. Sein tragischer Tod unter mysteriösen Begleitumständen wirft immer noch viele Fragen auf und hinterläßt eine große, nicht zu füllende Lücke.
Ohne den mutigen und engagierten Einsatz aller Menschen, die sich für den Erhalt dieses Teilgebietes der Virunga Region eingesetzt haben, wäre dieser heute auf Satellitenbilder gut sichtbare Gewinn an neuer Wildnis nicht möglich gewesen. Ganz besonders ist es Klaus-Jürgen Sucker zu verdanken, daß die Berggorillas und mit ihnen zahlreiche weitere Tier- und Pflanzenarten nicht nur einen besseren Schutz sondern auch eine Vergrößerung des Schutzgebietes erleben können.

Ursula Karlowski