"Für eine Handvoll Dollars mehr" - Recherchen nach dem Tod von Klaus-Jürgen Sucker

Park ranger Gruppe mit Klaus-Juergen Sucker
© Ulrich Karlowski
Dies sind die letzten Zeilen des letzten Briefes, den Klaus-Jürgen Sucker am 15. Juni 1994 an den Deutschen Tierschutzbund (www.tierschutzbund.de) geschrieben hat. Der Brief kam erst nach seinem Tod an.
(K)ein Ende der Recherche
In der Ausgabe 2/94 des "Gorilla Journals" (www.berggorilla.org) hatten wir über seinen tragischen Tod und die möglichen Hintergründe berichtet. Auch heute, fast ein Jahr danach, ist der Fall nach wie vor voller Rätsel. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld hat die Ermittlung der Todesursache nicht abgeschlossen, man wartet noch auf Untersuchungsergebnisse aus Uganda. Die afrikanische Verhältnisse nicht in Betracht ziehende, sondern nach deutschem Standard durchgeführte Obduktion des Leichnams ergab das vorsichtig formulierte Ergebnis:

MGNP-Projektfahrzeug vor dem
Nationalparkbüro in Kisoro,
© Ulrich Karlowski
Todesursache war dabei letztendlich Ersticken.
Im November 1994 versuchten Karl-Heinz Kohnen und ich während einer fast vierwöchigen Reise Hintergründe des Todes aufzuhellen und Möglichkeiten für die Fortsetzung der Arbeit im Mgahinga-Gorilla-Nationalpark im Sinne von Klaus-Jürgen Sucker zu schaffen. Ein Großteil unserer Recherchen in Uganda beruht auf vertraulich weitergegebenen Informationen und schriftlich nicht fixierten Aussagen. Um unsere Quellen zu schützen, bezieht sich der folgende Bericht über die Hintergründe des Todes von Klaus-Jürgen Sucker weitgehend auf seine Tagebuchaufzeichnungen und Briefe sowie auf die Ergebnisse unserer eigenen Recherchen, die wir offenlegen können, ohne jemanden zu gefährden.
Aus den Aufzeichnungen eines Toten
Wie sah Klaus-Jürgen Sucker selbst die Ereignisse, die am 20. Juni 1994 mit seinem gewaltsamen Tod endeten? Bereits im Projektbericht, der den Zeitraum 1. Januar 1994 bis 31. März 1994 umfaßt, findet sich folgender vorsichtiger Hinweis auf die kommenden Ereignisse:

CARE-Projektschild nahe Kisoro
© Ulrich Karlowski
Tagebucheintrag vom 16. März 1994:
"Die Verlängerung meiner Arbeitserlaubnis wird vom USAID (staatliche Entwicklungshilfeorganisation der USA, Geldgeber für CARE/DTC und die ugandische Nationalparkbehörde) und Rob Wild (Mitarbeiter von CARE/DTC) bekämpft."
12 Tage später, am 28. März, sprach Eric Edroma, Direktor der ugandischen Nationalparkbehörde Uganda National Parks (UNP), bei der Klaus-Jürgen Sucker als Nationalparkaufseher angestellt war, erstmals Klartext:
"Er (Edroma) zog mich vertraulich auf die Seite und sagte mir, daß Rob Wild, Rob Clausen (USAID) und noch einer in sein Büro eingedrungen seien und sich gegen die Verlängerung meines Workpermits gewendet hätten. Die Sache hat Edroma dann versucht, niederzubügeln."
Tagebucheintrag vom 17. April 1994:
"Philip Franks (Leiter des CARE/DTC Projekts) meint zu Edroma, ich würde gegen alles opponieren, was von DTC kommt. Die Arbeitserlaubnis ist immer noch nicht durch."
Am 5. Mai informiert Eric Edroma Klaus-Jürgen Sucker von einer "Erpressung" seitens USAID und CARE: Der USAID würde sämtliche Gelder für den Südwesten Ugandas einfrieren, wenn Sucker nicht aus dem Mgahinga-Park verschwände. Der Wahrheitsgehalt dieser Information wurde uns mittlerweile von zwei verschiedenen Seiten bestätigt.
Geöffnete Briefe und doppelte Schlüssel
Ein Vermerk, daß Suckers Briefe im Postamt von Kabale, wo sich nicht nur das Hauptpostfach des Mgahinga Projektes, sondern auch das Hauptquartier von CARE/DTC befindet, abgefangen und geöffnet werden, findet sich am 8. Mai.:
"Briefe werden gefilzt (in Kabale)."
Wie dies funktionierte und wer die ein- und ausgehende Post abfing, konnten wir während der November-Recherchen herausfinden. Im Postamt Kabale erfuhren wir, daß Tony Kirungi, Chief Park Warden des Mgahinga-Gorilla-Nationalpark-Projekts und damit Suckers ugandischer Counterpart, einen Zweitschlüssel zum Postfach des Projekts besaß und regelmäßig die Post abholte. Wie gut er seine Schlüsselfunktion zu nutzen wußte, erlebten wir am 7. November 1994 im Sheraton-Hotel in Kampala. Wir hatten uns dort mit Liz Macfie, der verantwortlichen Leiterin des IGCP (International Gorilla Conservation Programme, Internationales Gorillaschutzprogramm) für den Bwindi-Impenetrable-Nationalpark, zu einem Gedankenaustausch getroffen. Im Verlauf des Gespräches, das sich natürlich auch um den Tod von Klaus-Jürgen Sucker drehte, zog sie unvermittelt ein Schreiben aus ihrer Tasche und fragte, ob wir es kennen.

Berggorilla-Familie, Virunga-Nationalpark,
ehem. Zaire
© Ulrich Karlowski
Der Druck nimmt zu
Zurück zu den Ereignissen im Mai 1994. Klaus-Jürgen Sucker bemerkte natürlich, daß die Situation für ihn immer bedrohlicher wurde, wie der Auszug aus einem Schreiben an den Deutschen Tierschutzbund vom 18. Mai zeigt:

Virunga Vulkane
© Ulrich Karlowski
Falsche Versprechungen und gefährliche Gerüchte
In einem Punkt täuschte er sich hier. Im Nachhinein stellte sich heraus, daß CARE/DTC zwar Versprechungen jeder Art gemacht hat, aber zu keinem Zeitpunkt im Jahr 1994 tatsächlich über die notwendigen Finanzmittel verfügte, diese auch erfüllen zu können. Von uns darauf angesprochen, meinte Philip Franks später, das sei ja auch alles nicht so konkret gemeint gewesen, man hätte den Wildhütern nur gesagt, daß, wenn CARE/DTC hier das Sagen hätte, dann würde....

CARE-Projektschild nahe Kisoro.
© Ulrich Karlowski
"Die Auseinandersetzungen zwischen DTC und Herrn Sucker sind auf seine Haltung zu den Beziehungen zwischen dem Park und den angrenzenden Kommunen zurückzuführen. Hierunter fallen viele Dinge, wie die illegale Ausweitung der Mgahinga-Parkgrenze, Verwehrung des Zuganges zu nahe der Parkgrenze gelegenen Wasserquellen, ... Beschlagnahmung von Wasserkanistern und Verhängung von schweren Strafen für deren Besitzerinnen sowie Herrn Suckers Opposition gegen Vielfachnutzung, obwohl UNP diesem Konzept zugestimmt hatte."
Geflissentlich übersieht Johnston dabei unter anderem die Tatsache, daß Klaus-Jürgen Sucker gar keine Strafen verhängen konnte und durfte und dies dementsprechend auch nicht getan hat. Illegale Grenzgänger, die die Wildhüter aufgriffen, wurden ordnungsgemäß der lokalen Polizei übergeben und von dieser auch zu den entsprechenden Strafen verurteilt. Johnston scheint ebenfalls entgangen zu sein, daß Klaus-Jürgen Sucker dem Vielfachnutzungs-Konzept, um das letztendlich die Auseinandersetzungen entstanden waren, in einer Kompromißlösung zugestimmt hatte. Der Hintergrund für die haltlosen Angriffe seitens des höchsten Funktionärs von CARE gegen seine Person selbst nach seinem Tod bleibt vorerst im Dunkeln.
Vergebliche Hoffnungen
Gegen Ende Mai beschleunigten sich die Ereignisse mehr und mehr. Für den 26. Mai war von Eric Edroma ein klärendes Treffen mit allen Beteiligten in Kampala angesetzt worden. Doch am 25. Mai kam über Funk aus Kampala die Nachricht, daß die Vertreter von CARE/DTC nicht erscheinen würden, sie hätten ohne weitere Begründung abgesagt. Da Edroma aber meinte, Klaus-Jürgen Sucker solle trotzdem kommen, machte dieser sich noch am gleichen Tag auf den Weg in die Hauptstadt. Einen Tag nach dem geplatzten Treffen schlug Edroma dann die Koexistenz beider Projekte vor, wobei CARE/DTC außerhalb des Parks arbeiten sollte. Diese Entscheidung schien auf ein Ende des Konfliktes hinzudeuten.

Eingang zum MGNP, Rangerstation.
© Ulrich Karlowski
Philip Franks meinte später zu uns, er und Rob Wild seien nicht erschienen, weil das Treffen für sie den Anschein eines "Gerichtsverfahrens" gehabt hätte und sie ihre Pläne und Projekte nicht rechtfertigen müßten. Daß diese Aussage nicht ganz den Tatsachen entsprach, erfuhren wir anschließend von Jaap Schoorl, der von CARE/DTC als Technischer Berater für Parkmanagement und Maßnahmen zur Bekämpfung der Wilderei im Bwindi-Impenetrable-Nationalpark eingestellt wurde. Er teilte uns mit, daß CARE/DTC bereits am 22. oder 23. Mai von Eric Edroma darüber informiert wurde, daß Klaus-Jürgen Sucker versetzt werden sollte. Edroma meinte, es wäre daher nicht notwendig, daß die Amerikaner zu dem Treffen nach Kampala kämen. Jaap Schoorl war an den Auseinandersetzungen um die Vielfachnutzung nicht beteiligt; er hatte seine Arbeit im Juni 1994 begonnen und Klaus-Jürgen Sucker als eine der letzten Personen noch kurz vor seinem Tod in Kisoro getroffen.
Die bittere Wahrheit
Am 6. Juni endlich erfuhr auch Klaus-Jürgen Sucker, wahrscheinlich als letzter von allen Beteiligten, von der Versetzung: Vom 1. August an sollte er als Nationalparkaufseher und Technischer Berater im Kidepo-Valley-Nationalpark tätig sein. Doch reichte die Versetzung des deutschen Biologen aus, um die Übernahme des Mgahinga-Parks tatsächlich vollziehen zu können? Was würde passieren, wenn die deutschen Tier- und Naturschutzorganisationen einfach einen neuen Projektleiter entsenden würden, der ebenso vehement wie der bisherige gegen die Vielfachnutzung des Lebensraumes der Berggorillas eintrat? Und ein Klaus-Jürgen Sucker, der im Land verbliebe, wäre der nicht ein ständig kritischer Beobachter, der genau verfolgen würde, was sich im Mgahinga-Gorilla-Nationalpark abspielte?
Wir wissen nicht, ob, und wenn ja, in welchen Köpfen sich diese oder ähnliche Gedanken abgespielt haben mögen. Wir wissen, daß Klaus-Jürgen Sucker vom 6. Juni an verzweifelt versuchte, die Hintergründe für die Versetzung zu erfahren und sie, wenn irgend möglich, wieder rückgängig zu machen, und daß er sich gleichzeitig bemühte, eine sinnvolle Arbeitsmöglichkeit in Uganda zu finden.

"Der Anfang".
© Ulrich Karlowski
Niemand in Kisoro, nicht einmal seine Nachbarn, mit denen er immer viel Kontakt hatte, wußten, daß er am 21. Juni Kisoro wieder verlassen und private Unterlagen und Hausrat in ein bereits bei der GTZ-Zentrale in Kampala angemietetes Zimmer bringen wollte. Er ist nie dorthin abgefahren. Am 21. Juni wurde er gegen 11 Uhr morgens tot aufgefunden.
Großer Dank gebührt den Mitarbeitern der GTZ-Zentrale in Kampala, die in einer abenteuerlichen Nacht- und Nebelaktion seine persönliche Habe kurz nach seinem Tod nach Kampala transportierten. Eines jedoch konnten sie nicht mitbringen: Die gesamte Korrespondenz zwischen Klaus-Jürgen Sucker und dem Deutschen Tierschutzbund über die Schwierigkeiten mit CARE/DTC verschwand nach seinem Tod spurlos.
Warum?
Selbst wenn man von der offiziellen Selbstmordversion ausgeht - die wir nach unseren Recherchen stark in Zweifel ziehen -, muß den Mitarbeitern von CARE/DTC, der Führung des USAID in Uganda und auf dessen Druck hin nicht zuletzt auch UNP zumindest die moralische Schuld am Tod Klaus-Jürgen Suckers zugeschrieben werden. Das Motiv von CARE/DTC, den Mgahinga-Park unter die eigene Kontrolle zu bringen, liegt klar auf der Hand. Von der "erfolgreichen" Etablierung des Vielfachnutzungs-Konzepts hingen nicht nur die Arbeitsplätze der Projektleiter, sondern auch viel Geld ab.

"Das Ende".
© Ulrich Karlowski
1995, Ulrich Karlowski